Bürgerschaftliches Engagement mit Anerkennungsdefizit

9. November 2009

Wie caritative Organisationen mit ehrenamtlichen Helfern umgehen

Vorbemerkung: Dieser Aufsatz ist, auch aus Gründen der besseren Lesbarkeit, nicht in geschlechtsneutraler Form geschrieben. Die weiblichen Helferinnen oder Interessentinnen werden für die meist männliche Diktion um Verständnis gebeten!

Nachfolgender Text ist geschrieben aus der Sicht von jemand, der zahlreiche persönliche Erfahrungen als sozialer Akteur gesammelt hat. Ich habe keinerlei Ausbildung in diesem Sektor und kann deshalb auch keine wissenschaftlichen Kenntnisse einbauen. Die Inhalte widerspiegeln den von mir erlebten Alltag im Umgang mit Non-Profit-Organisationen, sofern dieser Begriff auch kleinere Vereine und Initiativen umfasst. Im Gegensatz zu den teils doch theorielastigen Diskussionen über NPOs ist mein Beitrag deutlich bodenständiger, als Praxisbericht für alle, die sich bereits engagieren oder erst engagieren wollen, aber vielleicht sehr informativ. Es geht mir nicht darum, bestehende Zustände schlecht zu reden, sondern Anstösse zu geben, wie der Umgang mit Ehrenamtlichen verbessert und das Ausschöpfen der mit deren Engagement verbundenen – für die Gesellschaft so wichtigen – Ressourcen gesteigert werden könnte. Und dabei gibt es noch großes Potenzial!

Meine Gedanken gründen auf ca. zehn Jahren persönlicher Erfahrung in München und Schwaben mit sogenannten Ehrenämtern im sozialen Bereich (und erheben deshalb keinen Anspruch, auch für andere Bereiche zu gelten). Da dieser aber ausschließlich Mitmenschen als Empfänger der Hilfe zum Ziel hat – anders als z.B. bei einem Engagement für den Tier- oder Umweltschutz, für Kultur o.a. –, ist es sicher der problematischste.

Aktiver Part ist der Engagierte

Im Normalfall erbringt der soziale Akteur eine Leistung gegenüber einem Hilfeempfänger, in neuerer Terminologie: gegenüber dem Klienten. In dieser Beziehung ist der Ehrenamtliche der Geber bzw. der Aktive, der Klient der Nehmer bzw. der Passive; nur wenn man bei Letzterem die Mitarbeit zum Erreichen eines Zieles betrachtet – die in seinem ureigensten Interesse und ausschließlich zu seinem Vorteil wäre –, gibt es auch bei diesem eine aktive Komponente.

Ähnlich stellt sich die Situation beim Blick auf die Ausgangslage dar: Die Hilfeempfänger gibt es – sicher mit zunehmender Tendenz – „einfach so“ in weit grösserer Zahl als dies gesellschaftlich verträglich wäre. Der Ehrenamtliche muss sich für dieses Engagement entschliessen und dann muss er – und dies ist ein ganz wichtiger Punkt – mit der für ihn richtigen Aufgabe zusammengebracht werden. Während auch hier der Klient die passive Rolle des Nehmers innehat, sind auf der Geberseite viele aktive Leistungen zu erbringen: Der Helfer muss sich aktiv für ein ehrenamtliches Engagement entscheiden, er muss aktiv auf die Suche nach Organisationen gehen, die entsprechende Möglichkeiten anbieten, er muss aktiv Kontakt zu diesen aufnehmen und er muss schließlich aktiv seine Unterstützung erbringen.

Damit ist ganz klar, dass der Ehrenamtliche der ist, dem am meisten Anerkennung entgegengebracht werden müsste. Dies ist in der Praxis aber leider meist nicht so und wird dementsprechend auch häufig von den Leistungserbringern beklagt (s. Freiwilligen-Survey 2004).

Wo liegen die Probleme im Umgang mit den Freiwilligen?

Der erste Stolperstein ist, dass in nicht wenigen Organisationen bei der Suche nach Ehrenamtlichen Quantität vor Qualität kommt. Die Wahrscheinlichkeit einer für beide Seiten positiven Hilfeleistung ist dann wohl kaum größer als bei einer Lotterie. Allerdings, wenn man viele Lose zieht, steigt die Chance ja…!

Beispiel:
Es werden Schülerpaten gesucht; sie sollen ausgesuchte Hauptschüler der 8. Klasse wenigstens über ein Schuljahr begleiten und sie bei der Berufswahl, bei der Auswahl der Praktika und bei den Überlegungen, welches Berufsziel das richtige sein könnte, unterstützen. Ich werde von einem Bekannten auf das Projekt angesprochen und ringe mit mir, voller Zweifel, ob ich die in meinen Augen große Verantwortung übernehmen kann; immerhin geht es um eine Weichenstellung fürs Leben. Deshalb habe ich mehrere Telefonate mit der Initiatorin, in denen ich meine Unsicherheit offen anspreche. Während der Gespräche will sie von mir außer meinem Namen nichts wissen; nichts darüber, ob ich bereits Erfahrungen in Ehrenämtern habe, ob ich vom beruflichen Hintergrund her (z.B. als Personaler oder als Ausbilder) geeignet bin – nichts. Sie bestärkt mich aber darin, dass ich die Aufgabe sicher meistern werde. Die Quote der Fälle, bei denen es nicht so toll lief, war dann auch entsprechend.
Übrigens: Persönlich kennengelernt habe ich die Initiatorin erst ein knappes Jahr später im Rahmen einer „Dankeschön“-Einladung, bei der auch der Landrat anwesend war.

Verständlich ist ein Besetzen der freien Angebote um jeden Preis, auch mit Bewerbern, deren Eignung dafür nicht näher geprüft wird, aus Sicht der Institutionen schon. Sie müssen ja regelmäßig Rechenschaft über die erbrachten Leistungen ablegen und da schafft ein hohes Stundenvolumen an Hilfsdiensten beim Run auf die Honigtöpfe der Förderer sicher einen Startvorsprung.

Für die Rekrutierung empfiehlt es sich, mit dem Interessierten ein schonungsloses Gespräch im Vorfeld zu führen, in dem auch möglichst alle zu erwartenden Probleme und Schwierigkeiten inklusive bekannter Lösungsangebote angesprochen werden. Gerade Neulinge, die sich für einen sozialen Einsatz berufen fühlen, tun sich mit den Denk- und Argumentationsstrukturen vieler Klienten sehr schwer. Dies gilt umso mehr, je weiter oben ihre Herkunftsebene angesiedelt ist.

Beispiel für eine zunächst unverständliche Entscheidung:
Ich engagiere mich bei einem Verein, der sich um sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche kümmert; von der Initiatorin werde ich gebeten, eine ca. 20-köpfige Gruppe bei einem Besuch des Oktoberfestes als Aufsicht zu begleiten. In diesem Zusammenhang lerne ich einen Jungen kennen, der sich – anders als die anderen – in fast kein Fahrgeschäft traut. Dementsprechend sinkt sein Selbstbewußtsein und die Freude ist gering. Ich erkundige mich bei der Leiterin nach dem familiären Hintergrund und erfahre, dass sein Vater arbeitsloser Alkoholiker ist und die Mutter sich kaum um den Sohn kümmert. Daraufhin frage ich, ob es möglich ist, zu organisieren, dass ich mit dem Jungen alleine aufs Oktoberfest gehen kann, damit er, ohne sich an anderen orientieren (und messen) zu müssen, selber aussuchen kann, womit er fahren möchte.
Die meisten Leser werden an dieser Stelle annehmen, dass die Eltern froh sein müssten, wenn jemand ihrem Sohn einen individuellen Wies’nbesuch gönnt. Dann aber kommt die Absage: Die Mutter will das nicht!
Was könnten die Gründe sein? Mir fallen zwei mögliche ein:
1. Während des inklusive der An- und Rückfahrt mehrstündigen Zusammenseins könnte das Gespräch auf die familiären Umstände kommen und ich würde vielleicht von den Problemen erfahren. Das könnte der Mutter nicht recht sein.
2. Wenn sich jemand aus der Vereinsorganisation individuell um den Sohn kümmert – im Gegensatz zu den Eltern –, könnte dies bei ihm einen entsprechenden Vorwurf provozieren. Auch das Risiko, dass danach bisher nicht entdeckte Wünsche geäussert werden könnten, wäre ein möglicher Grund für die Absage.
Wahrscheinlich oder sicher ist es nicht so, dass die Eltern solche Überlegungen bewusst anstellen; eher fühlen sie sich diffus verunsichert und lehnen deshalb diesen Kontakt ab.

Wenn die potentiellen Helfer schon vor Aufnahme eines Engagements bezüglich der „Untiefen“ vorgewarnt werden, werden sie von diesen nicht überrascht und können schon deshalb mit aufkeimender Enttäuschung besser umgehen. Sollte dann noch Zeit für ein Gespräch mit einem erfahrenen „Kollegen“ bestehen, wäre das schon fast der Idealzustand.

Aber – kurioserweise – auch das andere Extrem zur Fixierung auf Quantität gibt es, wenn ein Engagement schon im Vorfeld de facto unmöglich gemacht wird: Eine Einrichtung teilt einem Interessierten mit, dass sie nur dann zu einem Gespräch über seine Aufgaben, das Umfeld seines möglichen Einsatzes, die ihn erwartenden Räumlichkeiten und nicht zuletzt auch mit dem ihn betreuenden Ansprechpartner bereit ist, wenn er vorher zusichert, sich über einen längeren Zeitraum wöchentlich mehrere Stunden zur Verfügung zu stellen. In der Außendarstellung – und jeder Interessierte hat zunächst nur diese Sicht – ist ein derartiges Verlangen fatal. Anders als im Erwerbsleben, in dem bei Aufnahme eines neuen Arbeitsverhältnisses aus finanziellen Gründen auch mal Kompromisse gemacht werden müssen, ist dies bei ehrenamtlicher Arbeit gerade nicht der Fall. Hier soll die „Arbeit“ Spass machen, und dafür ist es unerlässlich, die Rahmenbedingungen vorab zu kennen.

Beispiel:
Eine kirchennahe, stationäre Einrichtung, die Kindern ab Mittag Betreuungsangebote (inklusive Mittagessen) macht, sucht Ehrenamtliche. Ich melde mich per E-Mail und erhalte auf gleichem Weg eine Antwort, wonach bei den Helfern „ein hohes Maß an Kontinuität wichtig“ sei und eine Festlegung auf einen regelmässigen, mehrstündigen Einsatz an einem bestimmten Wochentag notwendig wäre. Nach einer Erwiderung, dass ich nicht mehr arbeite und ich mir deshalb zeitlich vieles vorstellen könne, erhalte ich einen Anruf. Der Konflikt zwischen dem Wunsch der Einrichtung, sich von vorneherein zeitlich festzulegen, und meinem Wunsch, die Rahmenbedingungen vorher kennenzulernen, ist leider nicht lösbar. Das Telefonat verläuft unerfreulich und wird durch meine Gesprächspartnerin abrupt beendet.

Nach wie vor bin ich der Meinung, dass dieses Verlangen überzogen ist. Aus der Sicht eines Außenstehenden ist auch nicht verständlich, dass es besser ist, wenn ein Ehrenamtlicher gar nicht kommt als wenn er vielleicht nur an 90 Prozent der Termine, zusätzlich zu den anderen Freiwilligen oder als deren Vertretung, in der Einrichtung ist. Der Personalleiter einer sehr grossen, bundesweit tätigen Organisation meint dazu: „Jedes zusätzliche Engagement gegenüber dem Kind neben der Zuwendung der Fachkräfte ist hier ein positives Moment.“ So sehe ich es auch!

Sehr schmerzlich ist auch unausgesprochenes Desinteresse und daraus resultierende Zurückweisung: Eine Organisation wirbt um Ehrenamtliche, es bewerben sich welche und hören dann nie mehr von ihr bzw. werden zunächst vertröstet ohne jede spätere Reaktion. Hier wird – und das muss so drastisch benannt werden – die kostbare Bereitschaft zu einem Engagement mit Füssen getreten. Es ist nur zu wünschen, dass ein solches Verhalten einem Interessierten nicht öfter widerfährt und er damit auf Dauer verlorengeht.

Beispiel 1:
Eine große, kirchliche Einrichtung, die sich bisher ausschließlich um den weiblichen Teil der Gesellschaft kümmert, lädt zu einem Treffen ein, da für ein neues Projekt „Familienpatenschaften“ Ehrenamtliche gefunden werden sollen. Während dieses Gesprächs wird den Teilnehmern eröffnet, dass der geplante Starttermin voraussichtlich um ca. drei Monate verschoben werden muss; begründet wird dies damit, dass bei der Einstellung der dieses Projekt betreuenden hauptamtlichen Kraft Probleme aufgetreten seien und man neue, andere Bewerber suche. Die Personalien der Interessierten werden aber festgehalten. Man werde in Kürze auf sie zukommen. Elf Monate später habe ich nie wieder etwas gehört, und das Projekt wurde bis heute nicht gestartet. Auf der Website ist unter „Aktuelles“ noch immer der Termin für das o.g. Gespräch zu finden.

Beispiel 2:
Eine in der Region sehr bedeutende Institution sucht Lesepaten für Kinder. Ich melde mich und erhalte als Antwort, dass es hierfür in meinem Stadtbereich derzeit leider keine Angebote gibt, schickt aber einen persönlichen Fragebogen mit, damit man meine Daten speichern könne. Man rechne damit, in Kürze, spätestens zum Beginn des nächsten Schuljahrs auch in meinem Viertel Kooperationspartner zu haben. Das Schuljahr hat längst begonnen und ich hatte nie mehr Kontakt zu dieser Organisation.

Beispiel 3:
Ich schicke zwei E-Mails an eine prämierte Einrichtung mit einem stationären Betreuungsangebot für Kinder und Jugendliche. Nachdem ich keine Antwort erhalte, moniere ich dies. Kurz darauf klingelt das Telefon: Die erste Mail habe man nicht erhalten, die zweite wäre erst vor gut einer Woche geschickt worden. Da man kein Handelsunternehmen sei, könne eine Antwort schon mal etwas dauern. Außerdem könne ohnehin nichts Konkretes gesagt werden, da erst bei der nächsten Leitungssitzung geklärt würde, ob überhaupt Bedarf vorhanden sei. Ich bekäme danach Bescheid. Tage später habe ich eine Nachricht auf meinem AB, dass ich nicht erreicht werden konnte und am nächsten Tag nochmal ein telefonischer Kontakt versucht würde. Der nächste Tag…, ich warte heute noch darauf.

Wegweisend ist der oft nicht einfache Erstkontakt bzw. das Kennenlerngespräch, das in der Regel jeder Aktivität vorgeschaltet ist. Wenn diese erste Phase nicht dokumentiert, dass auf Seiten der Organisation der Hilfseinsatz ehrlich gewollt ist, ist auch für später keine Anerkennung zu erwarten.

Beispiel:
Erneut geht es um die oben bereits erwähnte kirchliche Einrichtung, die für ein neues Projekt „Familienpatenschaften“ Ehrenamtliche sucht. Zu Familien gehören zweifelsfrei – zumindest gelegentlich – auch Männer, d.h. die Zielgruppe muss mindestens um ein paar Männer erweitert werden. In dem Gespräch, geleitet von zwei Frauen, an dem unter den überwiegend weiblichen Teilnehmern auch zwei männliche waren, frage ich, wann das „starke Geschlecht“ zum Einsatz kommt: „Wenn wir jemand brauchen, um einen Schrank aufzustellen!“ Obwohl für diese Einrichtung einige wenige hauptamtliche und einige wenige ehrenamtliche Männer tätig sind, kommen diese auch auf der Website nicht vor („…beruht auf beruflichem und ehrenamtlichem Engagement von Frauen für Frauen.“ – „…sind etwa 100 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen tätig.“ – Zwei Beispiele im Internet, bei denen Familienpaten zum Einsatz kommen können, beleuchten zwei Mal die Probleme alleinerziehender Mütter!). Dass aus dieser allzu weiblichen Sicht heraus bei den zu betreuenden Familien Männer keine Chancengleichheit vorfinden werden, kann als sicher angenommen werden.

Die zunehmende und aus der Konkurrenzsituation heraus notwendige Professionalisierung der Wohlfahrtsverbände erzeugt wohl zwingend Zeitdruck und Effizienzdenken, und damit eine gewisse „Kälte“ im Ablauf. Dies bekommen beide Seiten, Geber und Nehmer, zu spüren.

Ist der Kontakt zwischen Ehrenamtlichem und Klienten erst einmal hergestellt und diese Hilfsbeziehung eingeleitet, wird es gern gesehen, dass die Kontaktperson in der Organisation möglichst wenig mit dem weiteren Verlauf zu tun bekommt. Solange keine Negativmeldungen kommen, kann diese davon ausgehen, dass die beiden im positiven Sinn miteinander zurecht kommen. Wenn bei „Hilferufen“, wenn es nicht rund läuft, Reaktionen kommen wie: „Ich hatte leider keine Zeit für einen Rückruf!“ oder „Wir haben einige Krankheitsfälle, der Kollege hat soviel zu tun, dass er sich die nächsten Tage nicht melden kann!“, dann weiß der Helfer, dass er mit seinem Problem allein gelassen wird und selber damit zurechtkommen muss. Oder man bittet gar nicht erst um ein Gespräch, da das Gegenüber permanente Gehetztheit und Zeitdruck signalisiert. An diesem Punkt besteht schon die Gefahr, dass erstens Frust aufkommt und zweitens die Schwierigkeit nicht optimal gelöst wird – was dann zwangsläufig wieder zu einer Enttäuschung führt, zu einer deshalb gefährlichen Form von Enttäuschung, weil der Hilfeleistende sich die Schuld am negativen Ergebnis gibt.

In dieser Konstellation wächst auch das Risiko, dass ein für beide Seiten eher unbefriedigender Kontakt dennoch aufrechterhalten wird; der Helfer will ja helfen, und bei einem Scheitern müsste er befürchten, nicht mehr aktiv tätig sein zu dürfen/können.

In der freien Wirtschaft werden für einfache Arbeiten wenigstens tagelange, wenn nicht wochenlange Einarbeitungszeiten angesetzt; im caritativen Bereich soll der Helfer meist von jetzt auf gleich eine durchaus verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen. Dies ist ihm gegenüber nicht fair und führt auch oft zu einem negativen Ergebnis.

Wie könnten Verbesserungen erzielt werden?

Anerkennung ist die Basis für das Erreichen positiver Ziele bei der Mitarbeit von Ehrenamtlichen. Sie sichert diese auch für die Zukunft ab und sollte selbstverständlich sein. Deshalb kann ihre Bedeutung nicht hoch genug geschätzt werden. Wie aber sieht es damit im Alltag aus?

Ganz sicher zu wenig an Anerkennung ist, einmal jährlich von Seiten der Bundes-, einer Landesregierung bzw. einer Kommune zu betonen, wie sehr bürgerschaftliches Engagement geschätzt wird und wie wichtig es ist für den Zusammenhalt der Gesellschaft, alternativ: für ein gedeihliches Miteinander angesichts der leeren Staatskassen, etc. Dies ist zu allgemein und zu anonym; vergleichsweise sei hier der in seiner Funktion umstrittene jährliche Muttertag angeführt.

Die Anerkennung muss vorrangig vor Ort erbracht werden. Nur dort erreicht sie den sozialen Akteur direkt. Deshalb sind die Kommunen auf einem guten Weg, die mit Freiwilligen-Cards, die bestimmte Vergünstigungen bieten, die tätigen Ehrenamtlichen belohnen. Noch mehr allerdings sind die Organisationen selbst gefordert. Immer wiederkehrendes Interesse am Verlauf des Engagements wäre ein guter Einstieg, weil es Wertschätzung signalisiert.

Das Angebot vieler Institutionen zu periodischem Gedankenaustausch in grösserer Runde gehört hier nicht dazu, da dieser vorrangig das Ziel hat, die Ehrenamtlichen „wetterfester“ zu machen im Hinblick auf Problemlösungen und Erfahrungen. Dies ist zwar wünschenswert, muss aber auch kritisch gesehen werden, da es eines zusätzlichen Zeitaufwands bedarf und oft keinen allzu großen Erkenntnisgewinn bringt.

Schulungs- und Fortbildungsangebote bedeuten zwar auch zusätzlichen Zeitaufwand der Helfer, signalisieren andererseits aber auch, dass es der Organisation jemand (bzw. seine Leistung) wert ist, in ihn zu investieren. Diese sind eindeutig unter der Überschrift „Anerkennung“ einzuordnen.

Eine projektbezogene bzw. mindestens jährliche – besser: viertel- oder halbjährliche – Information über erreichte Ziele, aber auch anstehende, gehört ebenfalls zum Thema Anerkennung. Es sollte im Zeitalter von Branchensoftware, Datenbanken und Tabellenkalkulation bei gut organisierten Trägern sowie E-Mail-Verkehr und Internetzugang auf Seiten der Ehrenamtlichen keinen allzu grossen Zeitaufwand bedeuten, diese detailliert zu informieren und den Stolz über die Ergebnisse zum Ausdruck zu bringen. Sollte als Rahmen für diesen Leistungsbericht ein persönliches Treffen bei kostenloser Verpflegung möglich sein, umso besser. Anerkennung zeigen auch Organisationen, die ihre Helfer in den Informationsfluss einbinden und „mitnehmen“.

Eigentlich ist alles ganz einfach: Werden die Kriterien für erfolgreiche Mitarbeiterführung und für ein gutes Betriebsklima aus den Unternehmen der freien Wirtschaft auf den caritativen Bereich übertragen, sollte auch dort das Verhältnis zu den Freiwilligen positiv gestaltet sein. Wahrscheinlich aber gibt es hier wie dort zu viele, die den hohen Anforderungen nicht gerecht werden.

Da die Helfer in der Mehrzahl nicht aus den untersten Bildungsschichten kommen (s. Bericht zur Lage und zu den Perspektiven des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland, BMFSFJ, Juni 2009) und vielleicht auch schon auf eine beachtliche berufliche Vita zurückblicken können, birgt es besonders viel Zündstoff, sie nicht entsprechend einzubinden.

Positive Auswirkungen des Ehrenamts

Schließlich soll nicht unerwähnt bleiben, dass viele tausende Bürger in ihrem Ehrenamt aufgehen und vielleicht auch mit der Trägerorganisation zufrieden sind. Dieser Zustand ist aber umso einfacher zu erreichen, je weniger Vergleichsmöglichkeiten bestehen; insoweit wäre eine entsprechende Aussage zu relativieren. Außerdem müsste es immer ein Ziel sein, Verbesserungen anzustreben.

Sollte die eine oder der andere ehrenamtlich Engagierte nach dem Lesen dieses Aufsatzes die andere Seite, die der caritativen Organisationen, besser verstehen, sollte sie/er für sich auch Lösungen finden, besser mit vorher unverstandenem Verhalten umzugehen. Sie haben selbst schon eine negative Erfahrung gemacht? Dann wissen Sie jetzt, dass Sie damit nicht alleine sind und diese auch nicht zu einer persönlichen Betroffenheit führen darf. Probieren Sie es einfach woanders nochmal, aber geben Sie keinesfalls auf.

Die Gründe, sich bürgerschaftlich zu engagieren, sind sehr vielfältig (s. Freiwilligensurvey 2004); meistens kann ihnen trotz aller Widrigkeiten genügt werden. Die aktiven Ehrenamtlichen wissen um das Positive ihres Tuns und um die entsprechenden Auswirkungen auf ihr Leben. Die (derzeit vielleicht nur) Interessierten sollten sich diese Erfahrungen keinesfalls entgehen lassen.



Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.